Die Bahn war beinahe leer. Außer ihm selbst waren nur der Junge, dessen Trommelfelle vermutlich bereits Hornhaut entwickelten, eine ältere Dame, welche geistesabwesend in die Nacht starrte und ein satanisch grinsendes Goth-Girly in der Bahn. Nach und nach stiegen alle anderen Fahrgäste an den Stationen aus, bis nur noch der vermutlich bereits taube Junge und er übrigblieben. Vermutlich befand sich in dieser Bahn nicht einmal ein Schaffner. Es ist schon ein Wunder, dass überhaupt noch Bahnen in diese Richtung fahren. Es muss die Bahngesellschaft Millionen Yen jedes Jahr kosten, die verkohlten unglücklichen überreste zu ersetzen.
Die Bahn hielt ordnungsgemäß an jeder einzelnen Station an bis er ein paar Haltestellen später auch schon wieder aussteigen musste. Ebenso der Junge, dessen Kopf ein optimaler Resonanzkörper für die heftigen Beats zu sein scheint. Die Haltestellen sind in diesem Bezirk der Zitadellenstadt recht weit voneinander entfernt und somit befand er sich bereits ein gutes Stück näher an der kritischen Zone als ihm lieb war. Er hatte wirklich schon genug Sorgen, da musste er nicht auch noch wegen versuchter Stadtflucht verhaftet werden.
Er blieb kurz stehen und musterte seine Umgebung. "Scheiß Gegend" dachte er und stiefelte verdrossen die schmutzige menschenleere Straße entlang. Sein Ziel war nicht weit, wie Bob ihm kurzerhand mitteilte. Eine kurze Serie Bilder huschte durch seinen Geist. Der runtergekommenen Straße mit den defekten flimmernden Laternen für 55,67m folgen, dann rechts in eine dunkle Nebengasse abbiegen, diese nach 8,4m durch ein niedriges verostetes Tor nach links verlassen, den nun betretenen Innenhof überqueren (20m diagonale) und man befindet sich direkt vor der Tür, welche sein Ziel für jene Nacht darstellte. Seine Melodie summend um sich abzulenken kam er um das erste Häusereck. Als er die Hälfte der Gasse hinter sich hatte, begann er seinen Mantel langsam aufzuknüpfen. Es war ein guter Mantel. Schwarz, irgend ein neumodisches Kunstleder, aufgestellter Kragen. "Schwarz ist eine praktische Farbe", dachte er, als er einen langen schwarzen Metalstab aus einer der vielen Innentaschen seines Mantels zog. Während er sich langsam und ruhig umschaute, förderte er noch 3 weiter Metallteile hervor. 4 kurze Handgriffe, 2 leise Klicklaute und ein berechnendes Lächeln später hielt er sein neues Spielzeug in den Händen. Das neueste Modell auf dem Markt: ein Shreeek2. Er dachte an modernes Marketing und den Niedergang der europäischen Sprache, während er durch das Tor auf den Innenhof schritt. Andererseits, wer würde schon ein Produkt mit dem Namen "Multi Flash Interface Disintegrator mit B.O.B.-Integration und Aerial Sensoren" kaufen.
An der Tür am anderen Ende des Hofes angekommen kramte er in seinen Hosentaschen nach der Notiz. "Eines Tages solltest du dir endlich mal das Notizprogramm einrichten" meinte Bob kommentierend. "Ach halts Maul" erwiederte er und brachte einen kleinen Fetzen einer Serviette zum Vorschein, auf der säuberlich gedruckt geschrieben stand: "RK5AS8!*%sfßñK2T=D". Er sollte sich eine andere Stammkneipe suchen. Die Späße der Schlauköpfe in der Mathebar gingen ihm auf den Geist. Obwohl er immer nur Kaffee bestellte, störten ihn die für ihn unlösbar verschlüsselten Speisekarten. Auf der Rückseite des Zettel fand er was er suchte, in einer ruhigen geschwungenen Handschrift stand dort geschrieben: "3-Pause-2-Pause-Mondschein". Wie er das hasste, Kunden mit Paranoia. Allerdings wusste er auch, dass diese Jungs ihrer Paranoia ihr Leben zu verdanken haben. Naja, dieser hier wird seines ziemlich sicher bald verlieren. Er fing an 3mal schnell hintereinander an die Tür zu klopfen, pausierte ein paar Sekunden, dann wieder 2 mal nur um wiederrum zwei Sekunden Pause zu machen. Dann rief er halb flüsternd "Mondschein" durch die geschlossene Tür.
Nichts geschah.
Ungeduldig wippte er leise summend auf dem Absatz der Tür, den Shreeek2 in der Hand. Er fing bereits an die verdörrten Pflanzenwelt zu betrachten, welche den Kampf um den Innehof verlieren zu schien, als er endlich etwas hinter der Tür hörte. Ein Riegel zog sich langsam aber zielstrebig beiseite. Er machte sich bereit. Ein weiterer Riegel, ein Schloß, eine Kette, der Türgriff. Die Tür wurde von einem hageren Mann geöffnet, vermutlich mindestens doppelt so alt wie er. Bereits graue Strähnen im Haar, dunkle Augenringe und eine spitze Hakennase im Gesicht. Mürrisch fragte der leichenblasse Mann was er wolle. Ein diebisches Grinsen im Gesicht zog er den Shreeek2 hervor und hielt ihn dem Mann unter die Nase. Nach einem kurzen ungläubigen Zögern, welches von wirklich schlechtem Reaktionsvermögen zeugte, zuckte der Mann zurück und duckte sich ungeschickt. "WAS SOLL DENN DER SCHEIß" rief er fluchend als er versuchte sich hinter der Tür zu verstecken und sich dabei heftig die Nase daran anschlug. Lachend versuchte er ihn zu beruhigen und wies ihn darauf hin, dass das andere Ende das gefährliche war und auch das eigentlich nur, wenn man es an ein B.O.B. anschloss. "Ich dachte schon du zappst mir jetzt das Hirn raus Alter" quiekte der Mann etwas erleichtert. "Gib her!" fuhr der Mann ihn unbeholfen an während er versuchte, das tiefschwarze Wunderwerk zu greifen. "Na. Nicht so schnell. Was gibt man dem freundlichen Waffendealer?"
"Ja ja, nur keine Hektik, bekommst ja dein Geld."
"Schön, ich nehm allerdings nur Bar oder instantan Überweisungen."
"Blutsauger" murmelte der Mann als er Bob anwies das Geld zu überweisen.
"Alles da" berichtete Bob.
"Schön mit dir Geschäfte gemacht zu haben, denk dran böses Ende auf die anderen" witzelte er als er ihm den Shreeek2 in die bleichen Hände drückte und sich zügig davon machte. "Schade um die schöne Waffe" dachte er als er überlegte was wohl passieren wird sobald der Kunde, unbeholfen wie er war, sie gegen einen mit Sicherheit überlegenen Gegner einsetzt.
Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg zurück zur Haltestelle.
Dienstag, Januar 22, 2008
[Story] Seltsame Welt - Teil 2: Er
- 2 -
Posted by
Sven
um
23:20
Labels: Geschichte, Story
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen